
Anmerkungen zur Transkription finden sich am Ende des Buches.
als ein Supplement
des Kandide,
von
Linguet.
Nach der zweiten vermehrten Ausgabe übersetzt.
Berlin, 1786.
Es leben zwo berüchtigte Schwesternin der Welt, welche mit vollerGewalt auf derselben regieren. Manist gesinnet, von der Einen derselbendie Geschichte ihres Lebenslaufes hiervorzulegen. Dem Leser wirds garnicht schwer fallen, zu errathen, werdie sei, von der man spricht, sobalder weis — was wir ihm eben sagen— daß man jene, von der die Redenicht ist, nach unserer französischenMundart gemeinhin die petite vérolenenne1).
Diese nun hat sich vor undenklicherZeit in Europen ausgebreitet;der andern aber gelang es nur erstum viele Jahrhunderte später, indiesem Welttheile festen Fuß zu fassen;indessen mag man sie für Zwillingsschwesternansehen, und ihr Alterbeinah so weit hinaussetzen, alsdas Alter der Welt. Es ist wahrscheinlich,daß sie bei ihrer Geburtzu einer Zeit mit Noe sich in dasUniversum theilten. Die Eine nahmdie linke, die Andere die rechte Seitedesselben in ihren Besitz. Sie zogenmit den Söhnen dieses Patriarchenherum, und schlugen in Wüsten, denenes an nichts, als an Bewohnernfehlte, ihren Wohnsitz auf.
Die Kleine nahm das größteStück für sich: Das ganze feste Landdes Alterthums ward ihr Reich;Afrika, Asien, und Europa fielenunter ihre Bothmässigkeit. Ihrevornehmste Beschäfftigung war, dieMenschengestalten, die sich da befanden,zu verderben; aber vorzüglichübte sie sich in ewigen Kriegen gegendie Schönheit.
Die Andere trieb Anfangs ihrenEhrgeiz nicht so weit: sie begnügtesich, den Zepter über Amerika zu führen:Da pflegte sie des Umgangs mitden Schlangen, und allem kriechendenUngeziefer, welche diesen schönenTheil der Welt verheeren: allein derTheil, auf welchen sie ihre Gewaltausbrechen ließ, war nicht das Gesicht;sondern sie griff unmittelbardas an, was die Schönheit nützlich,oder schätzbar macht.
So lebten sie über fünf tausendJahre, einsam, jede in ihrem Aufenthalte.Nur erst im fünfzehntenJahrhunderte kam sie die Lust an,sich zu besuchen, da sie zu ihrer Reisedie spanischen Flotten sehr gemächlichfanden. Sie mußten keine Ursachegefunden haben, es sich gereuenzu lassen: von dieser Zeit an scheinensie den Entschluß gefaßt zu haben,sich nimmer wieder zu verlassen. Sieverglichen sich, ihre Schätze gemeinschaftlichanzulegen. Ohne Unterschied,und ohne Eifersucht herrschensie nun beide zusammen über die vierTheile dieser unteren Welt, wo, wiees ein Haufen erlauchter Philosophenbeweist, alles gut ist. DerVergleich dieser beiden Schwesternhat die Masse des allgemeinen Gutenum ein Ansehnliches vermehrt; obman gleich gestehen muß, daß einigeeinzeln