An geöffneter Tür

von

Clara Sudermann

Dritte Auflage


Felix Lehmann Verlag / Berlin W

Alle Rechte vom Verleger gewahrt
Copyright 1914 by Felix Lehmann
Verlagsbuchhandlung Berlin W 35

An geöffneter Tür

Wie das sonderbar ist, ... eigentlich wie ein Traum.Ich sitze ganz allein in einem Passantenzimmerchendes Glarner Hofs in Glarus. In den Gartenanlagenvor meinem Fenster plätschert hinter dickblätterigemBuschwerk das Wasser eines Springbrunnens. Daswird heute mein Wiegenlied sein und mir einenguten Schlaf bringen. Aber noch will ich nichtschlafen. Ich habe das Herz so voll.

Es ist ganz still im Hause und auf der Straße. Alsich vorhin am Fenster stand, kam der Mond geradehinter dem Glärnisch vor und schüttete schimmerndeStreifen über Schroffen und Halden und Wasserfäden,die sich hinunterringeln. Da wurde derRiese lebendig und bekam eine Stimme.

Ach, du lieber, geliebter Riese, ich verstehe ja deineSprache, ich fühle sie, und als Antwort möchteich mich an dich hinanschmiegen, dich ganz umfassenmit all deinen Gipfeln, deinen Abgründenund den stillen, grünen Matten ...

Ich bin frei, und ich glaube an das Leben, an meinLeben, über dem Jahre hindurch das Schwerthing!

Als heute vor vierzehn Tagen in Davos Dr. Herholzin mein Zimmer kam und mir ganz ohne Vorbereitungsagte: »Fräulein Lydia, wir sind so weit,rüsten Sie sich zur Heimfahrt,« ... da stand mir dasHerz still vor Schreck.

Wie oft hatte ich mir diesen Augenblick ausgemalt,in dem der lächelnde Henker vor mich treten und mirsagen würde wie schon so vielen vor mir: »Siesind als geheilt entlassen.«

Wie hatte ich in voller Fassung und Würde diesesTodesurteil entgegennehmen wollen, auch lächelndund dem Anschein nach den lügnerischen WortenGlauben schenkend. Und nun ...?

Ich fühle jetzt noch die eiskalte Leere, die plötzlichum mich war. Meine Jugend, meine armen vierundzwanzigJahre schrien jammernd um Hilfe.»Wie lange also noch, Doktor?« brachte ich endlichvor.

Doktor Herholz, übrigens einer der wenigen unterder Herde von Ärzten, die mein Leben durchzieht,der mir immer gleichmäßig freundliche Teilnahmegezeigt hat, nahm meine Hand und fühlte gewohnheitsmäßigden Puls.

»Ruhig, ruhig – es ist Ernst, Fräulein Lydia,«sagte er und sah mich treuherzig und froh an. »Siebrauchen nicht mißtrauisch zu sein. Ich habe dasaber bei Ihrer skeptischen Veranlagung vorausgesehenund Ihnen den Krankheitsbericht seit der drittletzten Injektion mitgebracht. Kommen Sie,sehen Sie selbst.«

Es flimmerte mir vor den Augen. Ich las wohlmechanisch ... Gewicht ... Temperatur ... Sputum... usw. Diese ganze entsetzliche Reihenfolge,die tagaus, tagein Gedanken und Gespräche beherrschthatte, und ich mußte mich von dem günstigenErgebnis überzeugen, das ja meinen eigenenWahrnehmungen entsprach. Aber hinter der leiseaufdämmernden Hoffnung sprangen die schwarzenKreuzchen auf, die in meinen Erinnerungsbüchernbei so vielen Namen stehen, – Namen von armenMenschenkindern, mit denen ich ein Stückchen Weggemeinsam gemacht hatte, und denen fast alleneinmal, wie heute mir, verkündigt worden war:»Sie sind als geheilt entlassen.«

»Sie dürfen das nicht, Doktor,« sagte ich dann.»Es ist eine überflüssige Grausamkeit. Das ist allesTäuschung, ein vorübergehendes Aufflackern, ...ich weiß zu genau Bescheid, und ich will mich nichtselbst betrügen und mir auch keine falschen Erwartungeneinimpfen lassen ...«

»Ich gebe

...

BU KİTABI OKUMAK İÇİN ÜYE OLUN VEYA GİRİŞ YAPIN!


Sitemize Üyelik ÜCRETSİZDİR!