[170]Die Festungen gegenüber den gezogenenGeschützen.

von

Moritz von Prittwitz

Die neuern Verbesserungen im Geschützwesen sind zwar dienstlich nochnicht veröffentlicht worden, aber bereits zur Kenntniß so vieler preußischenund fremden Militairs gelangt, und so vielfach mündlich,schriftlich und in gedruckten Memoiren besprochen: daß es an der Zeitist, gründlich und mit ruhiger Besonnenheit auch von Seiten der Ingenieuredie Frage zu erörtern, welchen Einfluß diese Verbesserungenauf die Konstruction neuer Befestigungsanlagen ausüben werden, undwelche Maßregeln in unsern bereits fertigen Festungen zu ergreifensind, um den Wirkungen einer solchen verbesserten Angriffsartillerieso erfolgreich als möglich entgegenzutreten.

Es kann zuvörderst durchaus nicht davon die Rede sein, dieseVerbesserungen an und für sich leugnen, heruntersetzen oder geringschätzen zu wollen. Dazu stehen die bereits erlangten Resultate zufest und für die Folge ist jedenfalls eher ein weiterer Fortschritt indiesen Verbesserungen zu erwarten als ein Rückschritt.

Ebenso wenig kann es hier darauf ankommen, den Nachweis zuführen, in wie weit diese Verbesserungen auch der Festungs-Artillerie,ja dieser sogar vielleicht in höherm Grade als der Angriffs-Artilleriezu Gute kommen werden. Denn so wichtig auch die Beantwortungdieser Frage für den vorliegenden Zweck wäre: so hat sie doch ebenkeinen Einfluß auf die positiven Maßregeln, welche die Vertheidigungnunmehr wegen dieser Verbesserungen zu ergreifen hat, und welcheden eigentlichen Gegenstand der folgenden Blätter bilden.

Es ist jedoch nothwendig, eine allgemeine Bemerkung in dieserHinsicht vorauszuschicken, die zur richtigen Würdigung alles Nachstehendenvon besondrer Wichtigkeit ist.

[171]Es giebt nämlich kein fortifikatorisches Vertheidigungsmittel, welcheses auch sei, das nicht endlich durch den Feind zerstört, unschädlichgemacht, überwältigt oder überstiegen werden könnte. Dessenungeachtetkann dasselbe immer noch ein sehr wirksames Vertheidigungsmittelsein und bleiben. Seit Anwendung der Druckkugeln und Minenschächtebeim Angriff z. B. haben die Kontreminen entschieden vonihrer Wirksamkeit verloren. Dennoch wird kein Ingenieur Anstandnehmen, sie in geeigneten Fällen anzuwenden. Ein ähnliches Verhältnißtritt bei dem Mauerwerk ein, wie wir dies später ausführlichersehen werden. Bei Verbesserungen in der Kriegskunst handeltes sich also in Bezug auf die Befestigungsanlagen immer nur darum:ob die Kosten einer neuen fortifikatorischen Anlage mit dem davonzu erzielenden Nutzen im richtigen Verhältniß stehen? – bei bereitsbestehenden fortifikatorischen Anlagen: ob es der Mühe und Kostenlohnt, diese oder jene Summe auf ihre Verbesserung zu verwenden,oder ob es vorzuziehen sei, diese Anlagen in ihrem jetzigen Zustandezu belassen?

Die Beantwortung dieser Fragen ist nun äußerst schwierig, weiles gar keinen irgend brauchbaren Maaßstab giebt, um den Werth unddie Widerstandsfähigkeit einer fortifikatorischen Anlage nur mit einigerZuverlässigkeit zu messen. Es ist dabei Alles der individuellen Einsicht,man möchte sagen, dem Gefühl der Beurtheilenden überlassenund darum werden auch niemals bei fortifikatorischen Fragen dieserArt die Ansichten Mehrerer übereinstimmen. Man kann deswegennichts Besseres thun, als die pro und contra in ausführlicher und unbeschränkterDiscussion zu erörtern und dann nach bestem Ermessenzu urtheilen oder zu entscheiden.


In Bezug auf die vorliegende Frage werden wir die aus derVerbesserung des Geschützwesens sich ergebenden Veränderungen undVerbesserungen in der Befestigung am Klarsten erkennen, wenn wirdi

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