Moni der Geißbub
Erzählung
Johanna Spyri
1. Kapitel
Der Moni fühlt sich wohl
Um zu dem Badehaus Fideris zu gelangen, muß man steil und lang dieHöhe hinaufsteigen, nachdem man die Straße verlassen hat, die sichdurch das lange Tal des Prättigau nach oben schlängelt. So mühsamkeuchen dann die Pferde den Berg hinauf, daß man lieber aussteigt undzu Fuß die grüne Höhe erreicht.
Nach einem längeren Anstieg kommt man erst zum Dorf Fideris, das aufder freundlichen, grünen Anhöhe liegt. Von da geht es weiter in dieBerge hinein, bis das einsame Gebäude des Badeortes auftaucht, überallvon felsigen Höhen umgeben. Dort oben wachsen nur noch Tannen, diedie Höhen und Felsen ringsum bedecken. Es sähe alles ziemlich düsteraus, wenn nicht überall aus dem niederen Weidegras die schönenBergblümchen mit ihren glänzenden Farben hervorguckten.
An einem hellen Sommerabend traten zwei Damen aus dem Badehaus undgingen auf dem schmalen Fußweg dahin, der unweit des Hauses beginntund bald sehr steil bis zu den hoch aufragenden Felsen hinaufsteigt.An dem ersten Vorsprung blieben sie stehen und schauten um sich, dennsie waren eben erst in dem Bad angekommen.
"Lustig ist's nicht hier oben, Tante", sagte jetzt die Jüngere, indemsie die Landschaft betrachtete. "Lauter Felsen und Tannenwälder unddann wieder ein Berg und noch einmal Tannen darauf. Wenn wir sechsWochen hier bleiben sollen, dann wollte ich, es wäre hier und da auchnoch etwas Lustigeres zu sehen."
"Lustig wird's jedenfalls nicht sein, wenn du hier oben deinBrillantenkreuz verlierst, Paula", entgegnete die Tante, während siedas rote Samtband zusammenknüpfte, an dem das funkelnde Kreuz hing."Es ist das drittemal, daß ich das Band festmache, seit wir angekommensind. Ich weiß nicht, wo es fehlt, ob an dir oder an dem Band, aberdas weiß ich, daß du jammern wirst, wenn es verloren ist."
"Nein, nein", rief Paula lebhaft aus, "das Kreuz darf nichtverlorengehen, um keinen Preis, es ist noch von der Großmutter und istmein größter Schatz!"
Paula ergriff selbst noch das Band und machte zwei, drei Knoten hinein,damit es festhalte. Plötzlich spitzte sie die Ohren. "Hör, hör,Tante, jetzt kommt aber wirklich etwas Lustiges."
Hoch oben erscholl ein fröhlicher Gesang. Zwischendurch kam einlanger, schallender Jodler, dann wurde wieder gesungen. Die Damenschauten aufwärts, konnten aber nichts Lebendiges entdecken. DerFußweg ging in großen Serpentinen, oft zwischen hohem Gebüsch undwieder zwischen vorstehenden Bergabhängen durch, so daß man von untenimmer nur kurze Stückchen davon erblicken konnte. Aber jetzt wurde esplötzlich lebendig auf dem Pfad, oben und unten, auf allen Stellen, woder schmale Weg gesehen werden konnte, und immer lauter und nähertönte der Gesang.
"Sieh, sieh, Tante, dort! Hier! Sieh da! Sieh da!" rief Paula mitgroßem Vergnügen. Und ehe die Tante sich's versah, kamen drei, vierGeißen in Sprüngen daher und immer mehr, immer mehr, und jede hatteein Glöcklein am Hals. Die läuteten von allen Seiten her, und mittenin einem Rudel kam der Geißbub herabgesprungen und sang eben noch seinLied zu Ende:
"Und im Winter bleib ich fröhlich,
Weil's Weinen nichts nützt,
Und weil ihm sowieso der Frühling
Auf den Fersen schon sitzt."
Dann ließ er einen ungeheuren Jodel erschallen. Und auf einmal stander mit seinem Rudel dicht vor den Damen, denn mit seinen nackten Füßensprang er genauso flink und leise wie seine Tierchen.
...